Zum Roman „Liebste Fenchel“ von Peter Härtling

Als wir den Auftrag zu diesem Literaturkonzert bekamen, war uns nicht sofort bewußt, wie gut es Peter Härtling gelungen ist, einen Bogen in die Gegenwart zu spannen.
Die Familie Mendelssohn-Bartholdy ist hochinteressant, denn nicht nur im preussischen Berlin haben die Großeltern, Onkel, Tanten und Nachfahren der musikalischen Geschwister Fanny und Felix das Leben mitgestaltet und ihr kulturelles Erbe hinterlassen.
Härtling schrieb seinen Roman in „Etüden und Intermezzi“ – Übungen und Kommentaren, wenn man das einmal aus der musikalischen Sprache in unsere Alltagssprache übersetzen darf. Damit sind die fiktiven szenischen Entwürfe gemeint, ebenso wie die aktuellen Überlegungen des Autors. Er fragt natürlich nach der Musik und den Voraussetzungen für die genialen Arbeiten der Geschwister – dabei vergisst er jedoch nicht den politischen Hintergrund, die Lebensbedingungen für jüdische Menschen in Preussen und die Problematik der Anpassung und den Wechsel zum christlichen Glauben.
Er wandert als Zeitgenosse durch Berlin und sucht die Orte auf, an denen die Familienmitglieder wirkten. Er fragt, was ist geblieben?, was ist zerstört für immer und was steht heute an der Stelle der einstigen Wohnhäuser, Kirchen, Parks?
Warum? Fragen die Protagonisten, wenn sie sich mit dem Hass und der Verfolgung gegen die jüdische Bevölkerung auseinandersetzen müssen.
Dieser Brückenschlag rauht das klassich-vollendete Bild der Vergangenheit auf, die Personen treten aus dem Schatten und werden lebendig, wie bei einem Theaterstück das plötzlich neue Aktualität durch die Deutung erzielt.
Bei einem Literaturkonzert ist man zeitlich begrenzt, zumal ja auch die Musik, die Fanny und Felix berühmt gemacht hat, erzählt. Wir wollen Ihnen unsere lebendige und vermittelnde Musiklesung und dann das Buch von Peter Härtling ans Herz legen. Es lohnt sich und ich verspreche Ihnen, Sie werden danach die Musik anders erleben und hören. Tiefer, bewegter und Anteil nehmender.